Wenn Atome ihren Farbensinn verlieren

Eine neu identifizierte Lichtfarbe ist für angeregte Atome „unsichtbar“, kann Atome im Grundzustand jedoch weiterhin fangen

30. Januar 2026

Ein Forschungsteam unter der Leitung von Monika Aidelsburger am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (MPQ) und der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) hat eine Lichtfarbe identifiziert, bei der Atome selektiv „farbenblind“ werden: Bei dieser Wellenlänge hat das Licht keinen Einfluss auf Atome im angeregten Zustand, kann jedoch weiterhin starke Fallen für Atome im Grundzustand erzeugen. Die Ergebnisse, veröffentlicht in PRX Quantum, liefern ein leistungsfähiges neues Werkzeug für analoge Quantensimulationen und neuartige Architekturen für Quantencomputer.

Laserlicht ist das wichtigste Instrument, um neutrale Atome zu kontrollieren. Mit der passenden Lichtfarbe können Physikerinnen und Physiker Atome einfangen, sie auf extrem niedrige Temperaturen abkühlen oder ihre Energieniveaus mit hoher Präzision verschieben. Diese Techniken bilden die Grundlage moderner Quantentechnologien – von Atomuhren über Quantensimulatoren bis hin zu Quantencomputern.

Atome in unterschiedlichen internen Energiezuständen unabhängig voneinander anzusprechen, ist jedoch nach wie vor eine große experimentelle Herausforderung, insbesondere bei stark angeregten Zuständen. Forschende am MPQ und der LMU München haben nun eine spezielle Lichtwellenlänge entdeckt, die Atome je nach ihrem Energiezustand unterschiedlich reagieren lässt: Atome im angeregten Zustand bleiben für sie „blind“, während Atome im Grundzustand stark gefangen werden.

Dieses Phänomen ist als sogenannte Tune-out-Wellenlänge bekannt. Bei einer solchen Wellenlänge verschwindet die lichtinduzierte Energieverschiebung eines bestimmten atomaren Zustands vollständig – selbst bei hoher Lichtintensität. Während Tune-out-Wellenlängen für Atome im Grundzustand bereits gemessen wurden, konnte man sie für angeregte Zustände bisher noch nicht präzise bestimmen.

Hochpräzise Kontrolle angeregter Atome

Angeregte Atome sind bekanntermaßen besonders schwierig zu kontrollieren. Sie besitzen in der Regel nur eine kurze Lebensdauer und reagieren äußerst empfindlich auf ihre Umgebung. Kollisionen zwischen angeregten Atomen sowie Photonstreuung durch das Fallenlicht können die Atome schnell aus der Falle werfen und so die Messgenauigkeit stark begrenzen. Diese Effekte haben bislang präzise Messungen von Tune-out-Wellenlängen für angeregte atomare Zustände verhindert.

„Um diese Wellenlänge zu bestimmen, mussten wir winzige lichtinduzierte Störungen an äußerst fragilen Atomen messen“, erklärt Tim Höhn, Erstautor der Studie. „Jede zusätzliche Erwärmung, jede Kollision oder Photonstreuung reduziert sofort die erreichbare Messpräzision.“

Ein ultrakaltes, uhrenmagisches Kristallgitter

Den Forschenden gelang es, die Tune-out-Wellenlänge durch die Kombination mehrerer experimenteller Techniken zu identifizieren. Sie arbeiteten mit ultrakalten Atomen, die in einem zweidimensionalen optischen Gitter gefangen waren, das eine kristallartige Struktur bildet. Bei der sogenannten „magischen Wellenlänge“ ist das Fallenpotenzial für den Grund- und den angeregten Zustand exakt gleich. Dadurch können die Atome mithilfe einer „optische Uhrenlinie“ gekühlt werden – einem extrem schmalen Übergang, dessen außergewöhnliche Stabilität die Grundlage moderner Atomuhren bildet.

Diese Anordnung verlängert die Lebensdauer der angeregten Atome auf zwei entscheidende Weisen. Erstens isoliert das optische Gitter die Atome voneinander und verhindert so schädliche Kollisionen. Zweitens erlauben die extrem niedrigen Temperaturen, die Leistung des Fallenlasers zu reduzieren, wodurch unerwünschte Photonstreuung minimiert wird. Auf diese Weise konnte die Lebensdauer der angeregten Atome von nur wenigen hundert Millisekunden auf über fünf Sekunden verlängert werden.

Gemeinsam ermöglichten diese Fortschritte dem Team, die atomare Reaktion auf zusätzliches Laserlicht mit bislang unerreichter Empfindlichkeit zu untersuchen und die Tune-out-Wellenlänge des angeregten Zustands präzise zu bestimmen.

Bei dieser neu identifizierten Wellenlänge erfahren die angeregten Atome keinerlei lichtinduzierte Energieverschiebung mehr – sie werden für den Laser gewissermaßen unsichtbar –, während Atome im Grundzustand weiterhin zu Bereichen hoher Lichtintensität hingezogen werden.

Quantenkontrolle von „farbenblinden“ Atomen

Diese zustandsabhängige Form der „Farbenblindheit“ eröffnet Forscher:innen ein leistungsfähiges neues Werkzeug. Mit der passenden Wellenlänge können Atome nun abhängig von ihrem internen Zustand selektiv manipuliert werden, was neue Möglichkeiten für maßgeschneiderte Quantensysteme eröffnet.

Insbesondere erlaubt die Methode die Simulation komplexer quantenmechanischer Vielteilchensysteme, in denen Teilchen in unterschiedlichen inneren Zuständen verschiedene potenzielle Energielandschaften erfahren. Sie ist besonders vielversprechend für die analoge Quantensimulation stark korrelierter Systeme. Darüber hinaus eröffnet sie neue Wege, dichte Atom-Arrays schnell und skalierbar aufzubauen – eine zentrale Voraussetzung für Quantensimulationen und Quantencomputer.

Ganz allgemein ebnet die Fähigkeit, angeregte Zustände mit einer derartigen Präzision zu kontrollieren, den Weg für hochpräzise lokale Adressierung in Quantenalgorithmen und für fortschrittliche Architekturen von Quantencomputern, die auf neutralen Atomen basieren.

Indem die Forschenden angeregte Atome gezielt unempfindlich gegenüber Licht machen, haben sie dem quantenmechanischen Werkzeugkasten eine neue Farbe hinzugefügt – eine Farbe, die es Atomen erlaubt, Licht nur dann „zu sehen“, wenn es gewünscht ist.

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